Der Katalysator

Der untere Teil des Motorradfahrens funktioniert getreu den Regeln der klassischer Physik, der obere jedoch absolut nicht, sondern ganz anders, nämlich quantenphysikalisch. Der eine Teil ist das Motorrad, der andere Teil, das bin ich selbst.

Ich kann mittlerweile sagen, dass mir mein Motorrad ein wirklich guter Lehrmeister war und ist. Es meckerte nie, wenn ich es mal hinlegte, beklagte sich nicht, wenn ich es mal irgendwo andotze. Dabei war und ist es in seinen Reaktionen absolut kompromisslos, aber stets absolut logisch. Nur verstehe ich das dann leider erst hinterher.

Es erträgt zwar alles ohne eine einzige Klage, aber es hat einfach keine Fehlertoleranz für den oberen Teil des Ganzen. Also für mich. Und das ist gut so. Für mich, denn dadurch zwingt es mich regelrecht in eine Haltung, die weder Kompromisse, noch Konvention und auch keine Tricks zulässt.

Motorradfahren zwingt mich regelrecht in die ideale Haltung, die ich auch im Leben gerne hätte. Das hat mich auf den Geschmack gebracht. Seither beschäftigt mich die Frage, wie man die Herausforderung im ganz normalen Alltag schaffen kann, die man für eine Flow braucht.

Ganz offensichtlich brauchen wir die Herausforderung des Flow, um aus dem Sumpf des üblichen Alltags herauszufinden. Das kann ich entweder durch die Art meines Tuns finden – oder durch die Art, wie ich lebe.

Eins habe ich über das Motorrad begriffen. Es hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich eben nicht den Gesetzen der klassischen Physik gehorche, sondern denen der Quantenphysik.

Es gibt mittlerweile einige Bücher, die das sehr deutlich beschreiben. Mich interessiert, es zu realisieren, jedoch unabhängig von meinem jeweiligen Tun.

Worum es (mir) geht

Wie bringe ich mich in die Haltung, die für einen Flow typisch ist? Ich brauche mich nur zu fragen, wie ich mich verhalten würde, wenn ich etwas ausgesprochen Anspruchsvolles tun würde. Etwa vor einem Auditorium eine für mich wichtige Rede halten, mich mit jemandem zu einem Gespräch treffen, das für meine weitere Zukunft von Bedeutung ist oder mit dem Motorrad eine anspruchsvolle Strecke zu fahren.

Genau so muss ich mich verhalten. Und das dann vom Aufstehen bis zum ins Bett gehen, auch nachts, wenn ich mal auf die Toilette muss. Also nie nachlassen, immer korrekt und ganz achtsam; selbst dann, wenn ich mich auf die Terrasse setze und entspannt in der Sonne einen Kaffee trinken will.

Warum ich das will? Weil ich der Überzeugung bin, dass all das, was ich mir in meinem Leben wünsche, im Flow ganz selbstverständlich passiert. Selbstorganisation etwa. Wie sagte doch Jiddu Krishnamurti? „Nur wenn jedes Bemühen aufhört, besitzt du unerschöpfliche innere Energie, dank derer dein Geist kristallklar bleibt und mit dem jedes menschliche Problem gelöst werden kann.“ Mich zu konzentrieren, auszurichten und Haltung zu bewahren, ist etwas anderes als mich zu bemühen oder zu üben.

Würde ich etwa üben wollen, achtsam zu sein, wäre das Unachtsamkeit. Ich kann nicht üben, gut zu sein oder zu lieben. Ich kann es nur sein. Wenn negative Emotionen aufhören, ist das andere da. Das Negative hört nur auf, wenn ich ihm meine ganze Aufmerksamkeit zuwende, wenn ich es kennenlerne, aber nicht, wenn ich darüber Wissen anzuhäufen suche. „Beginnen Sie einfach!“ Das würde Krishnamurti wohl sagen.

Mich einlassen

Sich einzulassen ist keine Kunst; es ist eine Entscheidung. Die werde ich jedoch nur dann treffen, wenn ich mich auf das Einlassen einlasse. Verlange ich vorher einen Beweis für seine Wirksamkeit, werde ich den nicht bekommen können, denn es ist eine Erfahrung. Und Erfahrungen muss ich eben selbst machen.

Es gibt ja Menschen, die wollen für alles erst einmal Beweise. Ich kenne mich da mit sehr gut aus, denn ich war auch einmal so. Aufgegeben habe ich das erst, als ich begriffen hatte, dass ich keine bewusste Kontrolle über irgendetwas habe, denn Kontrolle läuft auf einer nicht-bewussten Ebene ab. Wissen wir ja, seit es die Untersuchungen von Benjamin Libet gibt. Und daran hat sich nichts geändert.

Eigentlich sollten wir schon lange unser bisheriges Verständnis von ‚bewusst‘ und ‚unbewusst‘ entsorgt haben. Wir wissen ja auch, dass Phänomene wie Selbstorganisation auf der absolut bewussten Ebene ablaufen, nur sind uns die nicht bewusst. Ich sage immer, wer einen Flow kennt, der weiß das. Motorradfahrer beispielsweise.

Solange ich mich also nicht einlassen kann, mit anderen Worten, solange ich mich nicht in die Welt des scheinbar (!) Unbewussten sinken lassen kann oder will, solange ich die Kontrolle über mein Leben haben will, solange wird genau das passieren, was ich ‚eigentlich‘ nicht will, denn dann (!) verliere ich die Kontrolle und meine Handlungsmöglichkeiten.

Das hängt wieder mit dem üblichen Verständnis von bewusst und unbewusst zusammen. Wenn mir etwas ‚bewusst‘ ist, handelt es sich um explizites Wissen, doch ist es unbewusst, dann handelt es sich um implizites Wissen, und nur das kann ich auch anwenden! Ich muss nur lernen, zwischen unbewusst und nicht wissen zu unterscheiden.

Magie des Augenblicks

Konzepte und Methoden bauen auf Erinnerungen auf, aber nicht auf dem, was ist. In Japan sagt man dazu ichi-go ichi-e. Damit will man ausdrücken, dass nur der Moment von Bedeutung ist, in dem man sich gerade befindet und der nie wieder kommen wird.

Der Begriff Ichi-go ichi-e, bedeutet in etwa: ‚Was wir in diesem Augenblick erleben, wird sich nie mehr wiederholen.‘ Die Aufforderung, jeden Augenblick als etwas Wunderbares wertzuschätzen.

Im Zeitalter permanenter Zerstreuung, in einer Kultur des Sofort und der Oberflächlichkeit, in der so vielen Menschen das Zuhören schwerfällt, trägt dennoch jeder Einzelne in seinem Innern einen Schlüssel, um erneut die Türen der Aufmerksamkeit, des harmonischen Miteinanders und der Liebe zum Leben öffnen zu können. Und dieser Schlüssel heißt Ichi-go ichi-e.

Der Physiker David Bohm erkannte, dass es einen direkten und für uns ungewöhnlich wirkenden Zusammenhang zwischen unserer Haltung und der Realität gibt. Er sagte, dass Ganzheitlichkeit eine Art von Einstellung oder Herangehensweise an das Ganze des Lebens ist. Wenn wir einen kohärenten Ansatz zur Realität haben, dann wird die Realität kohärent auf uns reagieren. Sind wir in jedem Moment ganz achtsam auf das ausgerichtet, was ist, dann  ist die Realität nichts Statisches mehr, sondern interagiert mit uns.

Eine Tatsache, die unserem Weltverständnis erst einmal fremd und kurios erscheint. Doch manchmal weisen scheinbar fantastische Ansichten in die richtige Richtung. In dem Film ‚Boyhood‘ beispielsweise erwidert der Protagonist Mason auf die Aussage eines Mädchens, dass es immer heißt, man solle den Augenblick nutzen, mit den Worten „Aber ist es nicht umgekehrt? Sind es nicht eher die Momente, die sich uns aussuchen?“ Genau das ist die Magie des Augenblicks, die mit ichi-go ichi-e ausgedrückt wird.

Das Medium ist die Botschaft

Es geht also letztlich um meine innere Haltung der Welt und mir selbst gegenüber. Daher ist es mir ein Anliegen, in jedem Augenblick richtig zu handeln – und nicht nur in einem entscheidenden oder wichtigem Augenblick! Das, was ich als richtig empfinde, ergründe ich in der Reflexion und indem ich mich auf das einlasse, was ist. Dazu brauche ich Selbstvertrauen und Disziplin, auch die Bereitschaft, zu dem zu stehen, was ich als zutreffend erachte.

Dazu ist es erforderlich, in jedem (!) Moment authentisch zu sein. Vor allem, wenn niemand zuschaut. Und ich muss lernen zu sehen, wann es angesagt ist, etwas zu tun oder zu sagen und wann es besser ist, meines Weges zu gehen. Daher ‚verzichte‘ ich darauf zu bewerten und zu urteilen. Stattdessen spreche ich in Ich-Botschaften, was mir interessanterweise hilft, mich aus Bindungen und Ichhaftigkeit zu lösen.

Auch Rechtschaffenheit, Loyalität, Mitgefühl und Höflichkeit gehören ganz fraglos zu dieser Haltung, genauso wie geistige Disziplin und Tatkraft. Dabei ist es vollkommen unerheblich, was ich gerade tue. Egal, ob ich einen Text schreibe, mich mit einem Freund unterhalte, das Abendessen koche und mich fertig mache, um mit dem Motorrad wegzufahren.